Der Erdrutsch an der Salzach
Euphorie in der SPD über den eindeutigen Sieg - Katerstimmung in der CSU
Von Rainer Wetzel (Burghauser Anzeiger 04.03.2008)
Burghausen. Es gleicht einem Erdrutsch, was sich am Sonntag in der größten Stadt des Landkreises getan hat. Die SPD siegte auf der "ganzen Linie, feierte euphorisch ihren Sieg, während die CSU mit hängenden Köpfen die unerwartet heftige Niederlage verdauen musste.
Im Bayerischen Hof feierten die Sozialdemokraten. Die Stimmung hätte nicht besser sein können. Nachdem Bürgermeister Hans Steindl ein wohl einmaliges Ergebnis vorgelegt hatte, waren anfängliche Befürchtungen für den Ausgang der Stadtratswahl schnell verflogen. Und als die Ergebnisse auf Bildschirm übertragen wurden, war das Glück der Genossen perfekt. Mit gutem Grund: Im 24-köpfigen Stadtrat stellt die SPD künftig 12 Sitze und hat plus der Stimme des Bürgermeisters die absolute Mehrheit. Fraktionsvorsitzender Norbert Stadler wertet das Ergebnis so: „Das ist ein Geschenk und Auftrag der Wähler. Wir werden deshalb aber nicht arrogant werden, sondern wie bisher gute Arbeit machen."
Bürgermeister Hans Steindl sieht sich voll bestätigt, spricht vom „Höhepunkt meiner politischen Laufbahn" und fügt hinzu: „Ich könnte theoretisch auch 2014 noch einmal antreten." Den Erfolg sieht er in seiner Verwurzelung in Burghauser Institutionen. „Ich bin seit jeher nahezu bei jeder Jahresversammlung eines Vereins, war zuletzt am Samstag zu meiner eigenen Verwunderung nahezu allein bei der KSK. Wenn mir vom Gegner Arroganz nachgesagt wurde, so zeigte die Wahl, dass der Bürger das anders sieht."
Nicht einmal Steindl hatte mit einem so guten Abschneiden gerechnet „Meine Sorge war, ob die
auch zur Wahl gehen, die mit unserer Politik und meiner Person einverstanden sind." Die Wahl zeigte dann klar: Auch nach 18 Jahren haben die Burghauser „ihrem" Hans Steindl die Treue gehalten.
Der gewaltige Aufwand, den die CSU betrieben hat, um den Machtwechsel zu erzwingen, hat nicht gefruchtet. Im Gegenteil: Die forsche Selbstgewissheit, mit der die Christsozialen ihren Erfolg im Vorab verkündeten, an den sie auch glaubten, hat vielleicht gerade die Wähler mobilisiert, die Steindl weiter an der Spitze haben wollen. Steindl nennt das Selbstüberschätzung. Nur von Haus zu Haus zu gehen reiche nicht aus. „Als wir in den 80er Jahren in Opposition waren, haben wir Anträge im Stadtrat gestellt, die damalige Politik inhaltlich in Frage gestellt. Da hat der Gegner jetzt nichts unternommen. Von Plakataktionen allein lassen sich die Leute nicht vereinnahmen." „Unsere Politik hat sich ausgezahlt", pflichtet ihm 3. Bürgermeisterin Christa Seemann bei.
Ganz anders sah es am Sonntagabend bei der CSU aus. Ein Büfett war im Gasthaus Auer aufgebaut, sogar eine wunderschöne Torte stand für Norbert Stranzinger bereit. Aber die Stimmung zum Feiern war den Konservativen vergangen. Norbert Stranzinger, dieser Hüne von Mann, saß in sich versunken da - ein Häufchen Elend. Mit einer Niederlage in dieser Dimension hatte er nicht gerechnet.
Für ihn ist der Ausgang ein ganz persönliches Drama. Seit drei Jahren hat er viel Energie und nahezu die gesamte Freizeit in die politische Arbeit investiert, ist zuletzt trotz gebrochener Zehe von Haustür zu Haustür gezogen, hat dabei schon mal einer Frau die Waschmaschine in den Keller getragen. Und dabei ist er offensichtlich der Selbsttäuschung erlegen, wenn ihn Leute herzlich empfangen, dass sie ihn dann auch wählen. In den USA macht Barack Obama derzeit vor, wie ein Haustürwahlkampf den Weg ins politische Amt ebnet.
Doch was in der großen Politik offenbar fruchtet, zahlte sich im kommunalen Wahlkampf nicht aus. Im Nachhinein scheint eher gewiss zu werden, dass diese Art Wahlkampf ein Bumerang war. Die 23 Prozent, die Stranzinger erhielt, hätte er ohne Wahlkampf sicher auch bekommen. Die Mühe hat sich nicht gelohnt.
„Die gute Arbeit unserer Stadträte ist leider miserabel honoriert worden", sagt Stranzinger und ringt um Worte, weil er die Niederlage in dieser Deutlichkeit nicht begreifen kann. „Wir konnten unsere Politik nicht rüberbringen. Burghausen will nicht einen teamorientierten Bürgermeister, sondern einen, der vorgibt."
Resignation auch bei Helmut Höfl, dem Vater des CSU-Wahlprogramms und Strategen des Wahlkampfs. „Keiner von uns hat eine plausible Erklärung. Wir haben im Wahlkampf keine Fehler gemacht, haben eine starke Jugendarbeit. Unser Fehler war, die Realität nicht zu erkennen. Die Wahlen haben gezeigt, wo wir stehen. Jetzt geht es darum, unsere Kräfte zu sammeln."
Auf das Debakel antwortet die CSU mit folgender Ausrichtung: Erstens nicht Sündenböcke suchen und langes Wunden lecken. Zweitens das Ergebnis detailliert analysieren und drittens Konsequenzen daraus ziehen. Eine davon heißt knallharte Opposition. „Wir müssen uns fragen, ob die auf Harmonie bedachte bisherige Arbeit Sinn macht", formuliert Höfl.
SPD gewinnt auf Kosten der CSU
Burghausen. Die SPD ist mit zwölf Sitzen der große Wahlgewinner, die CSU mit acht der Verlierer. Die kleinen Gruppen konnten ihre Sitze halten — zwei für die UWB, je einer für Grüne und FDP.
Schon die Bürgermeisterwahl sorgte in ihrer eindeutigen Klarheit für Überraschung. Der Trend setzte sich auch bei der Stadtratswahl fort. Zunächst sah es sogar nach 14 Sitzen für die SPD aus. Als dann als letztes die Briefwahlbezirke ausgezählt waren, schmolz der Vorsprung wieder etwas. Unterm Strich hat die SPD um 2 Sitze hinzugewonnen, ein Ergebnis, mit dem selbst Optimisten nicht gerechnet hatten. Neu in den Stadtrat kommen Franz Kammhuber, Helmut Fabian, Norbert Englisch, Roland Resch, Klaus Schultheiß und Sabine Grundler.
Damit zeigt sich auch: Das Konzept der SPD, neue zugkräftige Namen auf guten Listenplätzen zu positionieren, ist aufgegangen. Die Kandidatenliste mit einer ausgewogenen Mischung Alt-Jung und männlich-weiblich ist beim Wähler gut angekommen.
Die CSU, bisher mit zehn Sitzen im Stadtrat vertreten, büßt zwei Sitze ein. Keinem der neuen Kandidaten ist der Sprung in den Stadtrat geglückt. Und auch der Nachrücker für den Fall des Ausscheidens eines Kandidaten, ist mit Horst Hauf ein etablierter Stadtrat.
Bei den unabhängigen Wählern Burghausen überholte Neuling Peter Schacherbauer Ortsvorsitzenden Dr. Andreas Beck. Einen Wechsel gibt es auch bei der FDP, in der Ortsvorsitzender Dr. Klaus Blum die jetzige Stadträtin Sissi Frey ersetzt. Bei den Grünen setzte sich Gunter Strebel deutlich von den anderen Kandidaten ab. -rw
Bürgermeisterwahl

Sitzverteilung im Stadtrat

Stimmenverteilung der SPD-Liste

Platz 1 = Bürgermeister rückt auf
Weiß = bisher im Stadtrat
Gelb = neue Stadträte
Rot = Nachrücker falls jemand ausfällt